„Wahnsinn, was Sie da alles auf sich nehmen,“ sagt eine nette ältere Dame mit einem Hauch Mitleid in der Stimme. Sie bietet mir an, zwei meiner vier Taschen aus dem Zug zu tragen und mir beim Kinderwagen zu helfen, während ich mit weiterem Gepäck in und an den Armen darauf achte, dass der Mini Chef im Trubel nicht verloren geht.

Stimmt. Ich komme mir selbst gerade etwas wahnsinnig vor. Vor allem deshalb, weil ich nicht auf den Tipp einer Bekannten eingegangen bin. „Och nö, ich schaff das schon ohne Umsteigehilfe – ich möchte niemandem Umstände machen.“ Tja, damals dachte ich, dass ich mit zwei Taschen Handgepäck locker auskomme.

abfahrt

Aber nachdem ich zwei große Koffer zur Mutter-Kind-Klinik nach Rerik geschickt habe, sind mir am Tag der Abfahrt noch gefühlte 1000 Sachen eingefallen, die ich vor Ort auch noch gebrauchen könnte. Und so kamen zur Handtasche, Wickeltasche, Kinderrucksack und zum großen schwarzen Rucksack noch eine große vollgestopfte Tüte dazu.

Weitere Schuhe für mich, noch mehr Spielzeug für die Kinder, eine weitere Jacke zur Sicherheit (man weiß ja nie, wie das Wetter wird) und was Frau sonst noch alles einfällt, wenn sie drei Wochen lang auf Reisen geht.

zugfahren

Worüber ich super happy bin? Dass wir für die Autofahrt nach Münster mehr als eine halbe Stunde Pufferzeit eingeplant haben. Ohne diesen Puffer hätte ich das zuggebundene Ticket meiner Techniker Krankenkasse vergessen können.

Stau. Lastwagen vor uns. Autos, die viel zu langsam fahren. Und dann eine riesige Baustelle am Bahnhof. Außerdem möchte ich vorher noch Brötchen für unterwegs kaufen. Der Mini Chef wünscht lieber ein süßes Teilchen zum Mittag. O.K. Ist ja „Urlaub“.

Auf dem Weg vom Auto zum Bahnhof Münster ist noch alles easy. „Du hast gleich genug zum Schleppen“, sagt mein Mann Pierre hilfsbereit wie er ist. „Gib mir die Sachen ruhig alle ab.“ Ich trage nur meine Handtasche und schiebe den Kinderwagen. Mein Süßer hat den kleinen Chef an der Hand.

regionalbahn

10 Uhr 57 soll der Zug Richtung Sylt losfahren. Mein Mann Pierre sieht plötzlich so traurig aus. „Hey, genieß Sturmfrei. Wenn wir alle wieder da sind, dann ist nix mehr mit Ruhe“, verkünde ich lachend und drücke ihm Emily noch mal zum Kuscheln in die Arme.

Stimmt. Mein Mann Pierre freut sich auch auf ein bisschen Zeit für sich. Lange Männerabende. Ausschlafen am Wochenende. Ohne biologischen Wecker.

„Schnell wieder raus“, rufe ich wenige Minuten später laut und hektisch zu meinem Mann. „Der Zug fährt gleich ab.“ Er wollte uns im Zug Tschüss sagen. Ui. Gerade noch mal gut gegangen. Sonst wäre er bis Osnabrück mitgereist.

dinos

Die Techniker Krankenkasse hat uns Sitzplätze reserviert. Auf meinen Wunsch hin mit Tisch. Au Weia. Da sitzen aber schon Leute.

„Ähm, nun ja, wir haben wegen den Kindern eine Viererecke mit Tisch reserviert,“ sage ich den Herrschaften leicht verlegen.

„Och, wir wussten gar nicht, dass man im Regionalzug auch reservieren kann“, antworten sie überrascht und stehen prompt auf. Ob sie meine Tickets sehen möchten? „Ne, passt schon,“ antworten sie total freundlich.

zugfahrt3

Gepäck verstaut und das Abenteuer kann beginnen. Zugfahrten sind halb so wild, wenn man genug Spielzeug dabei hat. Allerdings habe ich vorher für Leon ein Kindle Fire Kids-Edition Tablet bestellt und nicht bedacht, dass alle Filme und Spiele, die ich „im Paket“ automatisch mitgekauft habe, nur laufen, wenn man WLAN hat.

Der Mini Chef verkraftet die Enttäuschung. Mamis, die Profis in Sachen „Kindle ohne WLAN nutzen“ sind, dürfen mich gern anschreiben.

muensterbishamburg

Meine Gemütlichkeit geht langsam in Stress über. Gleich haben wir das erste Aussteigen vor uns. „Leon, wir steigen gleich an einem riesengroßen Bahnhof aus. Mit zahlreichen Leuten, die schnell und wild umherlaufen. Ich werde keine Hand frei haben, weil ich den Kinderwagen schieben und Taschen tragen muss. Außerdem muss ich suchen, wo wir hin müssen. Du musst immer bei mir bleiben und darfst auf keinen Fall vorlaufen.“

Der Mini Chef schaut mich ein wenig erstaunt an. Mama macht gerade Stress. Zugfahren ist doch so mega cool!

Nun ja. Umsteigen ist ein bisschen Horror. Dafür haben wir im nächsten Zug Glück. Erstmal zumindest. Weil die Klimaanlage in unserem reservierten Abteil defekt ist, dürfen wir erste Klasse fahren. Wir bekommen von einer freundlichen Mitarbeiterin ein eigenes Abteil mit weich gepolsterten Sitzen, Vorhang zum Zuziehen, Tisch und Steckdosen zugewiesen. Super!

ersteklasse

Läuft alles bestens. Bis zur Bekanntmachung, dass beim Motor etwas kaputt gegangen ist und wir auf eine Reparatur warten müssen. Wartezeit nicht absehbar. Dabei habe ich doch extra so viel Puffer zum Umsteigen als Wunsch bei der Techniker Krankenkasse angegeben.

Irgendwann geht es wieder weiter. Sechs Minuten Zeit haben wir, um zu prüfen, von welchem Gleis wir fahren müssen und schwer beladen umzusteigen. Verpassen wir den Zug, müssen wir eine ganze Stunde am Bahnsteig stehen. Ist ohne Kinder doof – aber mit zweien erst recht Mist. Auf meinem Zettel mit der Reiseverbindung war nämlich von Rostock bis Neubukow nichts vermerkt.

IMG_6667_optimiert_600x450

Mein Herz schlägt wild. Ich glaub wir müssen zum Gleis 10. „Schnell Leon, wir müssen ganz schnell in den Aufzug von Gleis 10 rennen“, rufe ich zum Mini Chef. Der Junge ist halb drin, da brülle ich: „Nein, doch nicht Gleis 10 – komm ganz schnell wieder raus.“

Zwei Bahnangestellte sind meine letzte Rettung. „Entschuldigung, ich muss ganz schnell wissen, wie ich nach Neubukow komme. Der Zug fährt um 16 Uhr 06 ab.

„Gleis 10, junge Dame.“ „Leon, komm schnell, doch Gleis 10.“ Der Mini Chef guckt mich an als wenn er denken würde, dass seine Mama jetzt total einen an der Waffel hat.

zugselfie

Wir haben es geschafft. Wir sitzen im Zug. Wenn wir gleich aussteigen, dann werden uns kräftige Männer von der Arbeiterwohlfahrt entgegen kommen, beim Gepäck helfen und direkt vor die Tür fahren.

Ich umarme meinen kleinen Mini Chef. „Leon, tut mir so leid, dass das alles gerade so hektisch war. Aber wir werden einen ganz tollen Urlaub vor uns haben.“

„Ist doch schon gut, Mama,“ antwortet Leon gelassen.

Aber ist eine Mutter-Kind-Kur wirklich Urlaub? Was erwartet mich? Vielleicht habe ich ja auch nach ein paar Tagen die Nase voll?

Darüber erzähle ich euch im nächsten Blogeintrag etwas. Also bleibt dran, ihr Lieben.

Elischeba

Photo Credits: Fotografen: Pierre & Elischeba Wilde – Models: Family Wilde