Er wollte doch so gerne wissen, ob Leon ebenfalls musikalisch wird. So wie er. Und er hätte ihm noch so viel über die Himmelskörper erzählen können. Denn Astronomie war – neben der Musik – sein Hobby.

Leons Opa. Der gestern um 21 Uhr 40 viel zu früh gestorben ist. Eine Woche vor seinem 80. Geburtstag. Leon hat ihn wenige Stunden zuvor noch gesehen. Wir waren als ganze Familie dort gewesen – mein Schwiegervater hat die Stimmen seiner Enkel wahrgenommen und mein Mann Pierre hat die letzten Tage neben seinem Krankenbett geschlafen.

Tagsüber hat Pierre ihm alles gesagt, was er noch sagen wollte. Ihm dafür gedankt, dass er immer für ihn dagewesen ist. Gemeinsame Erinnerungen ins Leben gerufen.

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Leons Opa war meinem Mann Pierre ein sehr liebevoller und verständnisvoller Vater. Zwar hatten sie teilweise unterschiedliche Interessen, aber trotzdem herrschte eine enge Verbindung zwischen den beiden. Auf dem Foto hier oben seht ihr Pierre zwischen seinen Eltern sitzen.

Nachdem mein Mann Pierre uns gestern nach Hause gefahren hat, ging es für ihn wieder Richtung Krankenhaus.

Was ganz toll war: Liebe Freunde sind aufgetaucht. Und als wenn Dagobert – mein Schwiegervater – es „geplant“ hätte – schien nun der richtige Moment für den Abschied gekommen zu sein.

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Pierre sollte den Moment des Todes seines Vaters nicht alleine durchstehen. Aber mit uns und den Kindern? Mit Säugling und Kleinkind, das alle zwei Sekunden die Telefonanlage auseinander nehmen will oder Bock hat, das Krankenbett hoch und runter zu fahren, ist einfach nicht die Ruhe da.

Gestern Abend gab es plötzlich diese magischen und kostbaren letzten Momente. Einer der Freunde meines Mannes hatte die Idee, die christlichen Lieder abzuspielen, die Leons Opa immer so schön fand.

Und auf einmal gab es so einen Frieden in seinem Gesicht. So eine Entspannung. Von dem vorher reglosen Menschen gab es wieder Reaktionen. Positive. Es war alles wie ein Wunder.

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Anderthalb Stunden lang saßen alle gemeinsam im Kreis. Eine „schöne“ Stimmung. Pierre hat sich aufgehoben gefühlt. Vorbereitet für die bis jetzt härteste Situation in seinem Leben – neben dem Tod seiner Oma, als er 14 Jahre alt war.

Dagobert hatte dann plötzlich laut geseufzt und seine Augen wurden total starr. Pierre hat ihn sofort ganz fest in den Arm genommen. Nach drei weiteren tiefen Seufzern hat die Lebenskraft Leons Opa verlassen.

Dagoberts Hand wurde sofort eiskalt und man hat gespürt, wie die Energie aus seinem Körper verschwunden war.

Welch große Hilfe, dass ein paar seiner Freunde ihn nacheinander umarmt haben, ihr Beileid ausgesprochen und einer von ihnen spontan ein Gebet gesprochen hat. In fast allen Religionen geht es nach dem Tod weiter. Ein Glaube kann eine große Hilfe sein, Trost spenden und Hoffnung geben.

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Zu Hause haben Pierre und ich bis zwei Uhr morgens nur über Dagobert geredet. Rückblicke an schöne Zeiten. Wie wir uns jetzt fühlen? Eine Mischung aus Trauer und Vorwürfen, weil wir uns noch besser um ihn hätten kümmern können. Aber auch Erinnerungen an schöne Momente.

Ich habe selbst ein großes Problem, das mich kaum loslässt: Mit meinem Schwiegervater habe ich mich super verstanden, als wir noch nicht in einem Haus gewohnt haben. Dann ging etwas los, was mir heute unendlich leid tut.

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Ich habe selbst schlechte Erfahrungen mit einer Vaterfigur gemacht. Dagobert – Leons heiß geliebter Opa – kann aber nichts dafür. Mein Vater hat mich 19 Jahre lang regelmäßig brutal geschlagen, ins Gesicht gespuckt und einen Nichtsnutz genannt. Extreme Dominanz. Extreme Kontrolle. Als Kind und Jugendliche habe ich mir damals Liebe, Anerkennung und Freiheiten gewünscht.

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Ich habe mich nie gewehrt – weil ich es nicht konnte. Doch es gab (und gibt) eine unterdrückte Wut in mir. Diese habe ich nie an meinem Mann und meinen Kindern ausgelassen. Aber leider häufiger mal an meinem Schwiegervater 🙁

So habe ich in Situationen, in denen er sich in etwas eingemischt hat, wissen wollte, wann wir wo sind und wann wir wieder kommen, oder einen „übertriebenen“ Rat geben wollte, oft sehr abweisend und schroff reagiert. Durch die extremen Erfahrungen und Verletzungen in meiner Kindheit.

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Als Pierre „das erste Mal“ die Nachricht erhalten hat, dass sein Vater die Nacht nicht überleben wird, da hatte ich das Bedürfnis, Dagobert noch mal zu sehen. Und diese Chance habe ich dann auch noch zweimal vor seinem Tod bekommen und versucht, besonders nett zu ihm zu sein.

Ich glaube, dass er das auch gespürt hat. Außerdem sollte Pierre ihm vor seinem Tod noch etwas von mir ausrichten:

Dass es mir leid tut, wie ich mich ihm gegenüber verhalten habe. Dass es auch an den extrem harten Erlebnissen mit meinem eigenen Vater lag. Dass ich in Situationen, in denen Dagobert ein wenig genervt hat, schnell überreagiert habe.

Aber dass ich – auch wenn ich nicht die ideale Schwiegertochter war – seinen Sohn und seine Enkel weiterhin glücklich machen werde.

Und das bin ich ihm auch für die Zukunft schuldig. Und das werde ich weiterhin tun. Und hoffen, dass Dagobert mir verziehen hat.

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Was ich jetzt gern machen würde? Die Zeit zurückdrehen. Wenigstens für einen Nachmittag. Mit beiden Kindern zu Dagobert hin und besonders aufmerksam, geduldig und freundlich sein. Fragen stellen. Zuhören. Ohne Eile. Einfach da sein. Das würde schon reichen.

So, ich hoffe, dass mein nächster Blogeintrag wieder weniger dramatisch wird. Vielleicht ein nüchterner Produkttest oder so was. Mal gucken was das Leben bringt.

Liebste Grüße von Elischeba

Photo Credits: privat (sie zeigen meinen Schwiegervater in den letzten Jahrzehnten)