„Mausi, Mausi, werde schnell wach – ich hatte gerade einen Blasensprung“ rufe ich zu meinem Mann Pierre, während ich ihn kräftig schüttele.

In Filmen geht das dann so weiter: Während Frau hektisch kreischend breitbeinig da steht und völlig am auslaufen ist, folgt kurz darauf eine weitaus hektischere Sturzgeburt.

Aber wir sind ja hier nicht im Film. Wir befinden uns mitten im Leben – und im Hause Wilde.

Um 1 Uhr 30. Am Samstag, den 14. Februar 2015.

Kräftig am auslaufen bin ich zwar auch gerade, aber alles halb so wild wie in amerikanischen Spielfilmen.

Mich überkommt eine gewaltige Vorfreude. Es geht los. Endlich! Was habe ich darauf gewartet. Auf irgendein Zeichen.

Und jetzt ist endlich ENDLICH ein lang ersehntes Zeichen zu sehen und zu spüren.

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Fotograf: Pierre Wilde

Irgendwie bin ich gelassener als vorher erwartet. Das mag auch daran liegen, weil Pierre zu Hause ist – meine stets nervenstarke Schulter zum Anlehnen.

Jetzt ist es wichtig rasch und gut zu organisieren. Wir haben Freunde, die seit Tagen ihr Handy neben dem Bett liegen haben – eben genau für diesen Fall.

Mein Mann schlägt vor, dass er im Krankenhaus anruft um zu fragen ob wir bei der Fahrt etwas Wichtiges beachten müssen. Alles in Ordnung – man würde für mich einen Rollstuhl bereitstellen und den Kreißsaal informieren.

„Ach ja,“ sagt mein Mann. „Meine Frau hätte auch gern die PDA – können Sie den Anästhesisten schon mal bestellen?“

„Hey, ich habe noch gar keine Wehen – mir tut noch nichts weh“ antworte ich meinem Mann lächelnd, freue mich aber über seine rührende Aufmerksamkeit.

Als nächstes müssen wir unsere Freunde leider aus derem Tiefschlaf wecken. Bitte bitte nehmt den Hörer ab. Yes! Sie fahren Richtung Krankenhaus. Wir ebenfalls.

emilygeburt
Fotograf: Pierre Wilde

Dort findet dann erstmal eine kleine „Leon Übergabe“ statt … den Mini Chef erwartet jetzt ein Wochenende mit zwei anderen tollen kleinen Jungs und deren lieben Eltern. Also ein schönes Kinderprogramm. Eine wichtige Voraussetzung für das Loslegen der Geburt ist gegeben. Perfekt!

Ab in den Kreißsaal – ran an den Wehenschreiber. „Oh, da sehe ich aber ein sehr großes Kind“, sagt mir die Ärztin später beim Ultraschall leicht staunend.

4.600 Gramm misst sie. Leon wurde auf 4.300 Gramm gemessen und war dann letztendlich über 4.800 Gramm schwer. Da muss ich jetzt erstmal schlucken. Aber was soll ich machen? Das Kind will raus. Mama muss da jetzt durch.

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Fotograf: Pierre Wilde

„Das ist die richtige Einstellung!“ lobt mich die Hebamme, als ich meinem Mann ein wenig später lachend sage, dass ich schwanger und nicht krank sei, als er mich fragt, ob er mich mit dem Rollstuhl ins Familienzimmer fahren soll.

Dort gehen dann tatsächlich die Wehen los. Anfangs hilft es, die Schmerzen wegzuatmen. Sie fühlen sich komplett anders an, als damals bei Leon. Das waren eben durch Tabletten eingeleitete Wehen – diesmal sind es natürliche. Die empfinde ich zwar nicht ganz so fies, wie die künstlich in Gang gesetzten, aber trotzdem auch nicht nett.

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Fotograf: Pierre Wilde

Im Kreißsaal setzt mich die Hebamme an den Wehenschreiber – und da geht es ordentlich zur Sache – alle Vorzeichen sind da. Mein Muttermund ist ebenfalls weiter geöffnet.

„Noch kann ich die Schmerzen aushalten,“ sage ich der Hebamme und frage sie, ob ich zuerst etwas „leichteres“ dagegen nehmen sollte und dann später zur PDA wechseln, damit ich den Geburtsverlauf nicht verlangsame.

Doch meine Hebamme ist sehr erfahren und spürt, dass es nicht mehr so lange dauert, bis die Geburt startet. Sie weiß auch, dass ich mir für die ganz besonders schmerzhafte Austreibungsphase unbedingt eine PDA wünsche.

„Frau Wilde, Sie brauchen es sich nicht unnötig schwer zu machen. Ich werde den Anästhesisten sofort bestellen – er wird in 15 Minuten hier sein und dann braucht die PDA noch mal eine Viertelstunde um zu wirken. Es ist nicht zu früh dafür – wir können umgehend starten.“

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Fotografin: Elischeba Wilde

Dann erklärt sie mir, dass es einen Schichtwechsel gibt und sie mir für die Geburt alles Gute und viel Kraft wünscht. Und ich solle vorher doch bitte ein bisschen ruhiger in den Schmerz rein atmen. Als ich ihren Rat annehme, spüre ich sofort was sie meint.

Auf die nächste Hebamme bin ich nun ganz besonders gespannt. Mit ihr zusammen werde ich die richtige Geburt erleben. Bis jetzt waren hier alle Hebammen ganz nett. Aber jetzt brauche ich bitteschön die Allernetteste und Beste aus dem ganzen Haus.

Hurra. Sie ist klasse! Und ich brauche ihre Hilfe. Denn die Wehen kommen mit immer kürzeren Abständen und werden fieser, länger und heftiger. Was bin ich froh, dass der Anästhesist bestellt ist.

Bis dahin erklärt sie mir weiterhin hilfreiche Atemtechniken und massiert während der Wehen meinen unteren Rücken.

„Frau Wilde, stützen Sie sich hier ab und machen noch mehr einen Rundbuckel. Klasse. Und bitte noch länger ausatmen.“

maus
Fotografin: Elischeba Wilde

„Hey, wir kennen uns von meiner ersten Entbindung“ sage ich dem sehnsüchtig erwarteten Anästhesisten beim Eintreffen.

Wir brauchen nun das richtige Timing, da wir die Nadel zwischen den Wehen setzen müssen.

Aber das ist nicht so leicht, da die Abstände dazwischen richtig kurz geworden sind. Er ist gerade dabei die PDA zu legen – dann ist die nächste Wehe im Anmarsch.

„Frau Wilde, einmal müssen Sie jetzt da durch,“ sagt die Hebamme, gibt ihre Hände auf meine und hilft mir dabei mich nicht zu bewegen.

Eine halbe Stunde später spüre ich gar keine Schmerzen mehr und bin total entspannt.

Wir entscheiden uns dafür, dass mein Mann und ich uns gegen sieben Uhr morgens ein wenig entspannen und die Hebamme dann um acht Uhr zurück kommt. Dann würde ihrem Bauchgefühl nach so langsam die Endphase beginnen.

„Hey, Schatz, leg du dich doch in unser Familienzimmer“, schlage ich vor. Da hat er ein Bett zur Verfügung und außerdem würde mich sein Schnarchen hier jetzt eh nur irre machen. Schließlich hätte ich kein Ohropax zur Hand.

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Fotograf: Pierre Wilde

Um 7 Uhr 50 dann das. Ich spüre einen Druck. Das Köpfchen! Hektisch drücke ich immer wieder auf den Notrufknopf. Aber der funktioniert nicht. Gerade jetzt. Mein Mann sollte sich einen Wecker stellen – aber erst um acht Uhr – mir kommt jetzt jede Minute total lang vor. Hilfe…… was mach ich jetzt?

Also rufe ich immer wieder „Hallo“ „Hallo“ „Hallo“…. aber niemand reagiert. Nun brülle ich noch lauter. Die Hebamme kommt rein gelaufen und gesteht mir, dass das mit dem Notrufknopf noch nie passiert ist und ihr das total leid tut.

Dann erkläre ich ihr noch mal, dass ich nach den Erfahrungen mit Leons Geburt nicht wieder im Liegen gebären möchte. Sie baut den Stuhl so um, dass mein Oberkörper leicht nach vorne gebeugt ist und ein Babykopf nicht zurückrutschen kann.

Auf einmal ist der Druck vom Köpfchen weniger geworden. Zehn Minuten später ist er wieder voll da.

„Wow – ich bin jetzt selbst erstaunt, wie schnell das geht,“ sagt mir die Hebamme beim Ertasten der Lage mit großen Augen und ruft sofort eine Ärztin, die bei der Austreibungsphase anwesend sein soll.

Länger pressen, noch länger. Ja ja. Gut! Gut! Ich werde perfekt begleitet und gekonnt angefeuert.

Inzwischen sitze ich in hockender Position auf meiner Liege und befestige mich an einem Seil. Ich kriege Tipps wie ich meine Hüften noch besser bewegen kann.

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Fotograf: Pierre Wilde

Und immer und immer wieder gibt es sowohl von Hebamme und Ärztin höchstes Lob für den Anästhesisten.

Es sei absolut nicht selbstverständlich, dass ich mich mit einer PDA so vielseitig bewegen könnte, den Druck des Köpfchens spüre, aber trotzdem kaum Schmerzen hätte. Dieser Mann hat die perfekte Dosis perfekt angebracht!

Ich empfinde gerade alles als belebend, faszinierend und könnte Luftsprünge machen, weil ich eine natürliche Geburt so schön und – mit der Wirkung der PDA – sogar so schmerzfrei erleben darf.

Und ja – ich spüre wie der Kopf raus gepresst wird. Es ist ein Wunder! Es ist ein Hammer Gefühl. Du kriegst Ehrfurcht – du bekommst eine Gänsehaut und du bist einfach nur überwältigt.

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Fotograf: Pierre Wilde

Auf einmal liegt meine kleine Emily vor mir. Ich habe sie Schritt für Schritt raus flutschen gesehen – gebären in der Hocke ist überwältigend.

Um mich herum müssen alle schmunzeln, als ich ihnen sage, dass mir Emily so außergewöhnlich klein und zart vorkommt.

Nun, ein Baby mit 4040 Gramm und 54 Zentimeter und einem Kopfumfang von 36,5 Zentimetern liegt immer noch über dem Durchschnitt. Kommt mir jedoch nach der Geburt mit meinem Leon wie ein Fliegengewicht vor.

Dann wird mir die Kleine auf den Bauch gelegt. Es gibt keine Komplikationen – also darf ich sofort kuscheln und die Brust geben. Das Stillen klappt auf Anhieb – die Kleine hat auch kräftig Durst.

Jetzt ist den ganzen Tag „Bonding“ angesagt – genauso wie es Babys lieben: Haut an Haut.

Und dabei verliebe ich mich immer mehr in meine kleine Emily.